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ORTE und WORTE - "Reiseliteratur" der Jetzt-Zeit

"Und jeden Tag fahre ich / zweitausend Kilometer in einem imaginären Zug / hin und her (...) und dazwischen ist meine Welt." (Alev Tekinay)

Nur ein Buchstabe trennt Orte und Worte. Über Jahrhunderte hinweg mußte die damit angesprochene Differenz vielen Menschen im alltäglichen Leben dennoch wie eine unüberbrückbare Kluft erscheinen. Sie wurde allerdings auch nach Homer, Cervantes, Swift oder Laurence Sterne und Jules Verne immer wieder - scheinbar mühelos - von reisenden Schriftstellern und Schriftstellerinnen, nicht zuletzt mit Hilfe von literarischen Mitteln übersprungen: Ein teuflisch guter Satz, schon steht man auf dem Petersplatz. Die vielseitigen Resultate aus ungleich anspruchsvolleren Schreibstrategien füllen mittlerweile mitteleuropäische Bibliotheken: Franz Sternbalds oder Fontanes Wanderungen, mehr oder weniger fiktive Sommer- und Winterreisen in alle Himmelrichtungen, abenteuerliche Kutschen-, Schiffs- und Bahnfahrten sind ebenfalls bereits in die Literaturgeschichte eingegangen.
     Doch was hat sich seit annodazumal hierzulande und in anderen Literaturen im Hinblick auf diese traditionsreiche und äußerst vielseitige Gattung getan? In welche Richtungen haben sich künstlerische Reisebeschreibungen im zusehends alle Lebensbereiche prägenden Zeitalter der Globalisierung entwickelt? Was hat sich in Zeiten von atemberaubender Beschleunigung und schwindelerregender Mobilität, von Migration und Kreolisierung, von aggressiven Vermarktungsstrategien und pseudosoftem Multimediaspuk im Zeichen des World Wide Web verändert? Mehr noch: Wie stellen sich diese Fragen dar, wenn wir ausnahmsweise die eurozentristische Perspektive verlassen und die verdichteten Reise-Erlebnisberichte von zeitgenössischen Schriftstellern weit entfernter Erdteile ins Blickfeld rücken? Oder sind all diese Fragen nahezu spurlos an den ästhetischen Spielregeln ambitionierter Weltreisebücher vorbeigegangen?
     Wohl kaum: Menschen, mit internationalen Lebensläufen, Zeitgenossen, die ihre Wahl- bzw. Sprachheimat wechseln mußten oder wollten, Handlungsreisende, Business-Class-Flaneure und Cyber-Space-Kosmonauten, nimmermüde Weltenbummler, Galaxientramper und Internetsurfer haben sich natürlich längst auf den Weg gemacht, jeder auf seine Art. Und die genauen Seismographen mit avanciertem Kunstanspruch unter den Globetrottern oder phantasiebegabte Autoren und Autorinnen erzählen uns glücklicherweise auch in Zukunft, was seit jeher über die damit einhergehenden sinnlichen Erfahrungen erzählt werden muß: alte Geschichten, gewiß; und doch immerneue, jedesmal ein bißchen anders. So sind und bleiben alle Beteiligten ständig unterwegs, unterwegs zwischen gelebten Kulturen, unterwegs im formbewußten Dazwischen.
     Vor diesem Hintergrund - Leben, Reisen, Schreiben und Lesen stehen nicht nur in diesem Kontext als Synonyme für das Unterwegssein - wollen wir in unseren LCB-Veranstaltungen zur Reiseliteratur der Jetzt-Zeit versuchen, einige erhellende Schlaglichter auf aktuelle Spielarten dieser faszinierenden Gattung zu werfen. Wir laden alle entdeckungsfreudigen und neugierig gebliebenen Leser an mehreren hochkarätig besetzten Abenden dazu ein, den Spuren herausragender Lebens- und Zeichenkünstler aus aller Welt zu folgen, in Innen- und Außenwelten aus Sprache abzutauchen, sich von inspirierenden Wortwechseln in unbekannte Regionen entführen zu lassen, um schließlich einen dritten Ort aufzusuchen oder lautlos zwischen den Zeilen zu verschwinden.

 

Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds - Kooperationspartner: Museum für Kommunikation