[Veranstaltungskalender] |  [Ausstellung] |  [Programm] |  [Adressen]

[zurück]

Übertretungen

"...die ästhetische Opposition zwischen eigenem und Fremdem ist zugleich Opposition zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das Eigene ist das Vergangene - es sind unsere Erinnerungen, unsere aus der Vergangenheit stammenden Bräuche und Gewohnheiten. Das Fremde ist das Zukünftige - das Unbekannte und das andere, die uns in der Zukunft erwarten. Der Asylant ist übrigens mehr ein Wanderer durch die Zeit als Wanderer durch den Raum."
Boris Groys: Logik der Sammlung. Am Ende des musealen Zeitalters

Schon das vergangene Jahrhundert war in seiner großen Literatur geprägt von den ‚Stimmen der Wanderer durch die Zeit'. Gewaltige Exil-, Flucht- und Migrationsbewegungen unterschiedlichster Ursachen haben Völker und Kulturen ergriffen und durchmischt. Die Literatur des 21. Jahrhunderts wird wohl schon in ihrem Entstehen transkulturell geprägt sein und so den anspruchsvollen Begriff Weltliteratur zu einer schlichten biographischen Anmerkung versachlichen.
     Der "dislozierte" Schriftsteller ist niemand, der auf den Koffern der Emigration lebt, ist keine displaced person und auch nicht jemand, der bei politischem oder ökonomischem Wandel in seinem oder seiner Väter Heimatland sofort dorthin zurückkehren wollte. Er hat seinen Ort gefunden und angenommen, ist oder wird Bürger eines Landes, das sein Schreiben nicht nur ermöglicht, sondern auch beeinflußt. Er akzeptiert diesen Einfluß eben deshalb, weil dieses Land auch die Bewahrung und Aufhebung der mitgebrachten Kultur nicht bloß duldet, sondern als etwas Selbstverständliches betrachtet. So entsteht aus der Vermischung etwas Neues und Drittes, ein Zugewinn an Kultur, eine "hinternationale Kultur" (Claudio Magris) - und dem neuen Heimatland wird wie dem Herkunftsland eine Wahrnehmungsdimension hinzugefügt.

In fünf Abendveranstaltungen stellt das Literaturhaus Berlin Schriftsteller vor, die aus unterschiedlichen Herfkunftsländern nach Großbritannien oder Nordamerika eingewandert sind; sie haben in Teilen das Englische oder Amerikanische zu ihrer Literatursprache gemacht (Gillian Slovo, Ha Jin) schreiben in beiden Sprachen (Guillermo Cabrera Infante) oder ausschließlich in ihrer ersten Sprache (Tomás Eloy Martínez).

 
 
Mittwoch
7. November 2001
20 Uhr
Vortrag: Martin Mosebach
Lesung: Michael Ondaatje
Moderation: Simon Werle
Literaturhaus Berlin
Fasanenstraße 23 | 10719 Berlin
Seine ersten vierzig Tage träumt ein Kind / Träume von früheren Leben. / Reisen, gewundene Pfade, / hundert kleine Lektionen, / und dann wird die Vergangenheit gelöscht.
Michael Ondaatje

Zur Eröffnung der Veranstaltungsfolge im Literaturhaus Berlin spricht Martin Mosebach.
     Martin Mosebach, 1951 geboren, hat Rechtswissenschaften studiert und lebt als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main. Der Autor von Romanen - u.a. "Westend" (1992), "Die Türkin" (1999), "Eine lange Nacht" (2000) - , Erzählungen - "Das Grab der Pulcinellen" (1996) -, Gedichten, Drehbüchern, Hörspielen und Libretti hat sich in seinem Werk sowie als Literaturkritiker mit interkulturellen Phänomenen und den dabei zur Debatte stehenden Problemen auseinandergesetzt. In diesem Herbst erscheint sein neuer Roman "Der Nebelfürst"; ein skurriles Kapitel Deutscher Kolonialgeschichte(n).
      Michael Ondaatje, geboren 1943 Colombo/Ceylon, dem späteren Sri Lanka. Er ist holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung. Seine Kindheit verbrachte er auf einer der Familie gehörenden Teeplantage, er besuchte ein englisches College, ging 1952 mit der Mutter nach London und 1962 nach Kanada, wo er englische Literatur studierte. Seit 1971 lehrt er an der York-University in Toronto; er ist mit der Autorin Linda Spalding verheiratet. Innerhalb der kanadischen Literaturszene behauptet Michael Ondaatje eine paradoxe Position: er gilt als Außenseiter, der vorwiegend nichtkanadische Stoffe behandelt und ist doch im Ausland der bekannteste kanadische Schriftsteller. 1970 publizierte er das Langgedicht "Die gesammelten Werke von Billy the Kid" (dt. 1997), 1987 den Roman "In der Haut eines Löwen" (dt. 1990) und 1992 den Roman "Der englische Patient" (dt. 1993). Seine zwischen 1993 und 1998 in Sri Lanka und Kanada entstandenen Gedichte "Handschrift" sind in der Übersetzung von Simon Werle in diesem Frühjahr erschienen.
      Michael Ondaatje liest diese Gedichte zusammen mit Simon Werle, der mit ihm über sein Werk und die Thematik dieser Veranstaltungsreihe spricht.
 
 
 
Donnerstag
8. November 2001
20 Uhr
Lesung: Guillermo Cabrera Infante
Moderation: Michi Strausfeld
 
Literaturhaus Berlin
Fasanenstraße 23 | 10719 Berlin
Guillermo Cabrera Infante, 1929 in Kuba geboren, hat als Journalist gearbeitet, war nach der kubanischen Revolution Leiter des Nationalen Filminstituts und ging anschließend als Kulturattaché seines Landes nach Belgien. Nach Differenzen mit Fidel Castro legte er 1965 dieses Amt nieder und blieb im Exil, zuerst in Spanien, dann in England. Heute ist er britischer Staatsbürger und lebt in London. 1964 ist, noch unter einem anderen Titel und nicht ganz unzensiert, im frankistischen Spanien sein berühmt gewordener Roman "Drei traurige Tiger" erschienen (dt. 1987).
     Guillermo Cabrera Infante schreibt mittlerweile spanisch und englisch; in deutschen Übersetzungen erschienen in den letzten Jahren "Rauchzeichen" (1990), "Ansicht der Tropen im Morgengrauen" (1995), "Wie im Kriege also auch im Frieden" (1996) und in diesem Herbst die Huldigung an seine früh begonnene und nach wie vor anhaltende Leidenschaft für Filme "Nichts als Kino". Guillermo Cabrera Infante liest zusammen mit Michi Strausfeld, die im Anschluß an die Lesung ein Gespräch mit ihm führt. Michi Strausfeld, Übersetzerin und Herausgeberin spanischsprachiger Literaturen, publizierte vor einem Jahr die Anthologie "Cubanissimo" mit junger Literatur aus Kuba.
 
 
 
Mittwoch
14. November 2001
20 Uhr
Lesung: Gillian Slovo
Moderation: Joachim Braun
 
Literaturhaus Berlin
Fasanenstraße 23 | 10719 Berlin
Von Smitsrivier nach New York. Ein gewaltiger Sprung. Eine Kontinentalverschiebung, für die der Geist keinen Brückenschlag fand. Und doch staunte Sarah, als sie nun die Main Street von Smitsrivier hinabblickte, wie vertraut ihr alles vorkam. Selbst das Klima stimmte: Trotz der fast vierzig Grad war der Tag so trocken und klar und rein, wie es ein Tag sein sollte.
Gillian Slovo

Gillian Slovo, ist 1952 als Tochter prominenter weißer Bürgerrechtler in Johannesburg/Südafrika geboren worden. Ihr Vater, Joe Slovo, war Mitglied der Kommunistischen Partei Südafrikas und später des ANC und stand wegen seiner politischen Aktivitäten mehrfach vor Gericht. Ruth First, Gillian Slovos Mutter, wurde 1982 bei einem von der südafrikanischen Regierung veranlaßten Attentat in Mozambique umgebracht. Gillian Slovo ist mit zwölf Jahren zu ihrer Großmutter nach England emigriert, wo sie auch heute noch lebt. Sie ist Autorin einer Reihe erfolgreicher Krimis, von denen einige auch auf Deutsch erschienen sind. In ihrem soeben erschienenen Roman "Roter Staub" (dt. von Uda Strätling) wird eine in New York lebende Anwältin beschrieben, die nach Südafrika zurückkehrt, um in einem Verfahren vor der Wahrheitskommission einen schwarzen Politiker gegen seine ehemaligen weißen Peiniger zu vertreten. Das Buch ist eine meisterhafte Darstellung der Mikropolitik von Recht und Gerechtigkeit.
     Joachim Braun, der Gillian Slovo über ihr Buch befragen wird, war von 1976 bis 1981 als Berichterstatter für den ARD-Hörfunk in Südafrika tätig. Er kennt das Land und seine Geschichte auch von einem zweiten Aufenthalt. Nach dem Ende der Apartheid berichtete er 1995-1997 für das ZDF aus Südafrika. 1999 hat er die Dokumentation "Versöhnung braucht Wahrheit. Bericht der südafrikanischen Wahrheitskommission" herausgegeben.
     Angela Leiberg liest zusammen mit Gillian Slovo aus "Roter Staub"
 
 
 
Donnerstag
15. November 2001
20 Uhr
Lesung: Ha Jin
Moderation: Hans Christoph Buch
 
Literaturhaus Berlin
Fasanenstraße 23 | 10719 Berlin
Im Hospital waren Schwestern, Ärzte und die Offiziere samt Frauen höchst erstaunt, Shuyu auf gebundenen Füßen herumtrippeln zu sehen, denn eigentlich kam das nur noch bei Frauen über siebzig vor. Stets war sie allein unterwegs, denn Lin zeigte sich nicht mit ihr in der Öffentlichkeit. Jedes Mal, wenn sie den Platz vor dem Klinikgebäude überquerte, standen die jungen Schwestern hinter den Fenstern, um sie zu beobachten. Sie hatten gehört, daß Frauen mit gebundenen Füßen dicke Oberschenkel und einen prallen Hintern hätten, doch Shuyus Beine waren dürr, und sie schien überhaupt keine Hüften zu haben.
Ha Jin

Ha Jin ist 1956 in der nordchinesischen Stadt Jinzhou geboren und wanderte 1985 in die USA aus. Er studierte an der Brandeis University Literatur und unterrichtet mittlerweile an der Emory University in Georgia englische Literatur. Sein in 1999 Amerika mit dem National Book Award und 2000 mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichneter Roman "Warten" ist vor einem Jahr in der Übersetzung von Susanne Hornfeck auf Deutsch erschienen. In diesem Herbst erscheint seine Novelle "Im Teich", sie war die erste längere Prosa des englisch schreibenden und auch als Lyriker bekannten Schriftstellers.
      Der Berliner Schriftsteller Hans Christoph Buch, Erzähler und in den letzten Jahren häufig als Berichterstatter in den Krisenregionen der Welt unterwegs, veröffentlicht in diesem Herbst unter dem Titel "Blut im Schuh" Berichte und Essays über "Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs". Hans Christoph Buch hat auch China mehrfach bereist; er stellt Ha Jin vor und spricht mit ihm über seine Bücher.
 
 
 
Freitag
16. November 2001
20 Uhr
Lesung: Tomás Eloy Martínez
Moderation: Dagmar Ploetz
 
Literaturhaus Berlin
Fasanenstraße 23 | 10719 Berlin
In der Einsamkeit von Highland Park setzte ich mich hin und schrieb folgende Worte nieder: "Als sie aus einer über drei Tage dauernden Ohnmacht erwachte, hatte Evita endlich die Gewißheit, daß sie sterben würde." Es war ein gleichgültiger Herbstnachmittag, das schöne Wetter sang fröhlich und falsch, das Leben hielt sich nicht damit auf, mich anzuschauen.
Tomás Eloy Martínez

Tomás Eloy Martínez wurde 1934 in Tucumán, Argentinien geboren. Er arbeitete in Argentinien als kritischer Journalist, Literaturredakteur und als freier Autor. Nach massiven Drohungen ging er 1975 ins Exil; zuerst nach Venezuela, später in die USA. Heute lebt er in New Jersey und lehrt an der Rutgers University. 1985 publizierte er unter dem Titel "La novela de Perón" die fiktive Politgroteske über einen greisen General Perón, der aus dem Madrider Exil nach Buenos Aires zurückkehrt, um dort in politische Auseinandersetzungen verwickelt zu werden, die er nicht mehr verstehen kann. Das Buch ist 1999 in der Übersetzung von Peter Schwaar unter dem Titel "Der General findet keine Ruhe" auf Deutsch erschienen. "Santa Evita", der 1996 in deutscher Übersetzung erschienene Roman, erzählt von der maßlosen Verehrung für die 1952 gestorbene Evita Perón. "Hier ist endlich der Roman, den ich immer lesen wollte.", so Gabriel Garcia Marquez über das Buch seines argentinisch/amerikanischen Kollegen.
     Tomás Eloy Martínez wird vorgestellt und befragt von Dagmar Ploetz, die in Argentinien aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, in Deutschland Germanistik und Hispanistik studiert und mehrere Bücher von G. Garcia Marquez ins Deutsche übersetzt hat.
 
 
 

Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds - Kooperationspartner: Museum für Kommunikation